Langzeitstillen – Wir sind viele! Teil 5: Jessica


“Mein Partner steht voll hinter mir, was mich unglaublich stärkt. Er war zwar auch sehr erstaunt darüber, dass man so lange stillen kann und es nach der WHO auch empfohlen wird, hat es aber direkt positiv angenommen. Die Familie reagiert großteils mit Verwunderung, dass so ein langes Stillen möglich ist und anfangs auch mit Enttäuschung, weil wir weder die geschenkten Schnuller noch Flaschen nutzten. Meine Mutter ist aber mittlerweile sehr begeistert und hätte das alles auch gerne schon damals gewusst.”



Ein paar Worte über Dich

Ich heiße Jessica, bin 28 Jahre alt und habe eine seit kurzem 1-jährige Tochter. Vom Beruf bin ich medizinisch-technische Radiologieassistentin. Bis Oktober befinde ich mich aber noch in Elternzeit.

Ich habe allerdings durch die Erlebnisse und Erfahrungen des letzten Jahres den Wunsch in den nächsten Jahren u. a.  eine Ausbildung zur Stillberaterin zu absolvieren, da es für mich eine Herzensangelegenheit ist, mir noch mehr Wissen darüber aneignen zu können und ich dieses auch gerne weitergeben möchte.

Hast Du dir vor der Geburt vorgenommen zu stillen?

Ja, das habe ich. Und da mir vorab durch die Familie erzählt wurde, dass Stillen nicht lange möglich sei, habe ich mich zum Glück auch schon in der Schwangerschaft ausführlich informiert. Das Krankenhaus hätte meinen Wunsch zu stillen leider nicht unterstützt, wenn ich nicht genau gewusst hätte, was ich wollte.

Hattest Du schon einmal Probleme beim Stillen?

Es gab ein paar Wochen, so 6. bis 9. Lebensmonat, da hatte ich regelmäßig einen Milchstau. Immer an der gleichen Stelle und zum Glück nach ca 24 Stunden zu lösen. Ich vermute, dass es mit Stress zusammen hing. Meine Tochter wurde mobiler und schlief von da an sehr schlecht. Ich war übermüdet und fragte mich, was ich falsch mache. Seit ich die Situation akzeptiert hatte und entspannter bin, ist auch kein Milchstau mehr aufgetreten

Das größte Problem für mich war aber das Beißen bei Ihrem letzten Zahndurchbruch. Es hat uns viele Nerven gekostet und uns beide verunsichert. Ich habe versucht ihr immer wieder zu erklären, dass es mich schmerzt und die Brust dafür nicht da ist und ihr dann stattdessen etwas zum Beißen angeboten. Nach 2 Wochen hatten wir diese Phase  überstanden.

Wie lange stillst Du?

Seit fast 13 Monaten.

Hast Du erwartet oder geplant, so lange zu stillen?

Ich habe mir anfangs nie über das „wie lange“ Gedanken gemacht. Ich wusste nur, dass ich stillen möchte und als ich mich über Beikost informierte, war für mich direkt klar, dass wir stillen werden, bis sie es nicht mehr benötigt.

Warum stillt ihr noch?

Weil es für uns so natürlich ist und undenkbar, damit jetzt einfach grundlos aufzuhören. Meine Tochter und ich genießen die Nähe und Geborgenheit dabei sehr. Und ich finde stillen zudem auch so unkompliziert und praktisch, dass ich darauf noch gar nicht verzichten wollen würde

Wie steht Dein Umfeld dazu? Dein Partner, Familie, Freunde?

Mein Partner steht voll hinter mir, was mich unglaublich stärkt. Er war zwar auch sehr erstaunt darüber, dass man so lange stillen kann und es nach der WHO auch empfohlen wird, hat es aber direkt positiv angenommen.

Die Familie reagiert großteils mit Verwunderung, dass so ein langes Stillen möglich ist und anfangs auch mit Enttäuschung, weil wir weder die geschenkten Schnuller noch Flaschen nutzten. Meine Mutter ist aber mittlerweile sehr begeistert und hätte das alles auch gerne schon damals gewusst.

Hast Du Freundinnen, die auch lange stillen? Bzw. wie viele Langzeitstillende kennst Du?

Ich lerne zur Zeit immer mehr Langzeitstillende kennen und genieße den Austausch sehr. Vor ein paar Monaten war ich in den Krabbelkursen eher die Ausnahme und war sehr überrascht davon, dass so viele schon am abstillen waren bzw. plötzlich abgestillt hatten.

Stillst Du in der Öffentlichkeit? Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

Ja, von Anfang an. Wobei ich mir anfangs einen riesen Stress gemacht hatte, alles komplett abzudecken, obwohl meine Tochter das absolut nicht leiden kann.

Mittlerweile gehe ich damit entspannter um, denn letztendlich kann man auch ohne Abdeckung nicht mehr sehen, als bei leicht bekleideten Frauen am Strand oder im Fernsehen. Ich habe selbst bisher auch noch keine negativen Erfahrungen machen müssen. Eher wurde ich bisher immer nett angelächelt.

Wie lange möchtest Du noch stillen?

Wir stillen noch so lange, wie meine Tochter es braucht und so lange ich mich dabei wohlfühle. Da ist bisher noch kein Ende in Sicht.

Beschreib mal, wie sieht so ein normaler Tag bei euch aus (stilltechnisch)?

Wenn meine Tochter so zwischen 6 und 7 Uhr das erste Mal wach wird, dann stillen wir noch ca 30 bis 60 Minuten im Bett. Das ermöglicht uns beiden noch etwas Ruhe vor dem Aufstehen. Manchmal schläft sie dann auch nochmal kurz ein.

Danach läuft eigentlich nichts nach striktem Plan. Sie isst schon sehr gut bei uns am Familientisch mit, aber trotzdem stillt sie meist davor und danach noch. Gerade bei der Hitze wird jetzt natürlich auch wieder mehr gestillt und ich zähle ehrlich gesagt weder mit wie lange, noch wie häufig wir stillen.

Wir befinden uns gerade im Schub und zusätzlich kommen die Zähne. Da ist der Bedarf nach Geborgenheit an der Brust auch nochmal deutlich erhöht und ich bin froh, ihr diese jederzeit so geben zu können. Oft auch im Tragetuch.

Abends stille ich zur Zeit zwischen 1 bis 3 Stunden mit kurzen Unterbrechungen bis sie schläft. Es ist sehr kräftezehrend, aber mit dem Einschlafen tut sie sich ja leider schon lange schwer.

Nachts kann ich gar nicht mehr genau sagen, ob und wie oft wir stillen. Das läuft mittlerweile ganz automatisch im Schlaf ab. Ich glaube meistens so 1 bis 2 Mal noch.

Was magst Du besonders am Stillen?

Ganz wissenschaftlich gesagt: Die Ausschüttung von Oxytocin. Es gibt einem, auch wenn man mal keine Kraft mehr hat, nochmal so einen richtigen Energieschub. Und ich liebe es, wenn meine sonst so aktive Tochter einfach mal wieder ganz ruhig und entspannt bei mir kuschelt.

Was gefällt Dir nicht, oder was wirst Du nach dem Abstillen nicht vermissen?

Dass ich so viele meiner Lieblingskleider nicht anziehen kann, da sie durch fehlenden Ausschnitt absolut nicht zum Stillen geeignet sind. Und die Stilleinlagen. Die brauche ich auch nach 13 Monaten immer noch.

Was möchtest Du jungen Stillmamas oder Schwangeren mit auf den Weg geben?

Informiert euch schon in der Schwangerschaft über das Stillen. Vertraut bitte nicht blind dem Krankenhauspersonal, denn diese sind oft nicht ausreichend weitergebildet. Rat sollte man lieber bei einer ausgebildeten Stillberaterin suchen.

Und: Stillen muss auch am Anfang nicht weh tun. Ich hatte von der ersten Sekunde an nie Schmerzen beim Anlegen. Wenn es geschmerzt hat, habe ich meine Tochter direkt abgedockt und erneut andocken lassen, bis es sich „ richtig“ anfühlte.

Mit welchen Vorurteilen hast Du zu kämpfen?

Interessanterweise kamen die ersten Meinungen, dass die Milch nicht mehr reichen würde schon, als meine Maus gerade einmal 3 Monate war. Seither wurde mir jedenfalls nichts mehr direkt dazu gesagt.

Was denkst Du, woher kommen die Vorurteile dem Langzeitstillen gegenüber?

Werbung wird leider nur für die Pre-Milch Konzerne etc. gemacht. Da niemand am Stillen verdient, vor allem am Langzeitstillen, wird das auch nicht groß gefördert. Es wundert sich niemand über ein 3 jähriges Kind mit Schnuller im Mund oder wenn dieses abends noch eine Flasche Milch trinkt, da dies seit Jahrzehnten ein gewohntes Bild ist.

Warum ist Stillen das Normalste der Welt?

Es ist mir von der Natur aus gegeben mein Kind selbst zu ernähren. Das macht jedes andere Säugetier auch ganz selbstverständlich und für mich gehört es auch einfach dazu.

Was würdest Du dir von deinem Umfeld, von der Politik und oder der Gesellschaft wünschen?

Mehr Offenheit für das Thema. Es sollte genauso wie für Babynahrung auch Werbung für das Stillen geben mit mehr Aufklärung und weniger Ammenmärchen.

Wie nennt ihr das Stillen? Sprechende Kinder haben ja die lustigsten Namen dafür 😊

Meine Kleine beginnt jetzt erst mit immer mehr Silben zu reden, daher hat sie dafür noch kein Wort. Aber seit einigen Tagen benutzt sie die Gebärdensprache für Milch und kann es mir zeigen. Das ließ mein Herz direkt höher schlagen. ❤️

Vielen Dank, liebe Jessica!

Hier findet ihr noch mehr Beiträge der Reihe

Hier findet ihr meinen Beitrag Kleinkindstillen – 3 Jahre Stillen

1 Monika

2 Nadine

3 Laura

4 Anke

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