Langzeitstillen – Wir sind viele! Teil 6: Meryem

Ein paar Worte über Dich

Hallo, mein Name ist Meryem, ich bin 36 Jahre alt, verheiratet, habe einen dreijährigen Sohn und bin Lehrerin an einem Gymnasium. Nach meinem Jahr in Elternzeit bin ich wieder mit einer vollen Stelle zurück zur Schule gegangen, was nur möglich war, da mein Mann zu Hause bei unserem Sohn geblieben ist.

Hast Du dir vor der Geburt vorgenommen zu stillen?

Ich hatte den festen Wunsch zu stillen, hatte mir aber vorsichtshalber ein Flaschenset gekauft, komischerweise aber kein Pulver. Das habe ich dann aber zum Glück sowieso nicht gebraucht.

Hattest Du schon einmal Probleme beim Stillen, z.B. einen Milchstau, Stillstreik oä?

Ich hatte über ein Jahr lang eine schöne Stillbeziehung mit meinem Sohn, obwohl er dabei viel geturnt ist oder auch schon mal nächtelang an der Brust hing. Mit etwa 13 Monaten ergaben sich Schwierigkeiten. Meine Brustwarzen und die Haut drum herum wurden richtig wund. Nachdem es doch kein Pilz und zum Glück kein Krebs war, ist es wohl eine Hautreaktion auf den Speichel meines Sohnes und den mechanischen Stillvorgang (so hatte es die Ärztin im KH beschrieben). Es dauerte fast ein Jahr bis alles wieder richtig verheilt war. Es war aber eine extrem schwierige Zeit mit höllischen Schmerzen. Hätte ich das nach wenigen Wochen nach der Geburt durchmachen müssen, ich weiß nicht, ob ich dann tatsächlich noch weiter gestillt hätte.

Wie lange stillst Du?

Ende Juni sind es drei Jahre und vier Monate.

Hast Du erwartet oder geplant, so lange zu stillen?

Das Ziel war erst einmal überhaupt zu stillen. Erst nach der Geburt und nachdem ich viel darüber gelesen und mit meiner Hebamme über das Thema gesprochen hatte, entschied ich, mindestens zwei Jahre stillen zu wollen. Ich wurde in dieser Entscheidung auch durch meinen Glauben (Islam) bestärkt, der ebenfalls das Stillen bis zu 30 Monate (je nach Quelle) vorsieht, sofern die Mutter dazu in der Lage ist.

Warum stillt ihr noch?

Weil er es noch zum Einschlafen braucht. So lange er möchte (und ich aber auch), sehe ich keinen Grund, ihm das zu nehmen. Außerdem gibt ihm die Muttermilch zusätzliche Nährstoffe, die ich ihm gerne weiterhin mitgeben möchte.

Wie steht Dein Umfeld dazu? Dein/e Partner/in, Familie, Freunde?

Mein Mann hat mich darin immer bestärkt. Alle anderen haben gemischte Einstellungen dazu. Es gibt Personen, die das gut finden, andere haben Bedenken, aber keiner redet auf mich ein, damit ich aufhöre, vielleicht lasse ich sie aber auch nicht…

Hast Du Freundinnen, die auch lange stillen? Bzw. wie viele Langzeitstillende kennst Du?

Eine sehr gute Freundin stillte über zwei Jahre, musste aber dann wegen ihrer Schwangerschaft aufhören. Bei einer Kollegin war es ähnlich. Alle anderen haben eher ihr „Soll“ von sechs Monaten erfüllt.

Stillst Du in der Öffentlichkeit? Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

Seit er etwa zwei Jahre alt ist, stillen wir nur noch zum Schlafen. Bis dahin habe ich ihn aber auch unterwegs gestillt. Ich habe nie schlechte Erfahrungen gemacht, bis auf das eine Mal, als uns ein Modegeschäft an einem sehr heißen Tag nicht in der Umkleidekabine stillen lassen wollte. Da war er etwa sechs Monate alt. Wir haben dann vor einem Hauseingang auf der Treppe gestillt.

Wie lange möchtest Du noch stillen?

Bis einer von uns beiden nicht mehr will.

Beschreib mal, wie sieht so ein normaler Tag bei euch aus (stilltechnisch)?

Sofern es ihm gut geht, stille ich ihn abends zum Einschlafen. Normalerweise kommt er dann vielleicht einmal in der Nacht und sonst früh morgens fast immer. Am Wochenende gibt es eine extra Session zum aufwachen und natürlich zum Mittagsschlaf.

Was magst Du besonders am Stillen?

Die Nähe und Harmonie. Es hilft mir bis heute noch dabei, runter zu kommen.

Was gefällt Dir nicht, oder was wirst Du nach dem Abstillen nicht vermissen?

Dass ich abends immer da sein muss. Das bin ich meistens sowieso, aber die wenigen Male, die ich vor allem beruflich länger weg bin, bleibt er tatsächlich fast immer wach oder schläft erschöpft gegen 22 Uhr ein.

Was möchtest Du jungen Stillmamas oder Schwangeren mit auf den Weg geben?

Sucht euch eine gute Hebamme, die euch unterstützt und hört auf euer Bauchgefühl. Wenn ihr könnt, dann stillt, aber macht euch keinen Druck, denn das geht nach hinten los.

Mit welchen Vorurteilen hast Du zu kämpfen?

Ach, das übliche. Da kommt doch nur noch Wasser, er ist doch schon zu alt, ist das nicht schädlich für ihn, dann kannst du ja abends gar nicht weg und so weiter…

Was denkst Du, woher kommen die Vorurteile dem Langzeitstillen gegenüber?

Was man nicht kennt… Aber ich glaube, dass die Wirtschaft und auch der Individualismus (hm, oder eher Egoismus?) dazu beigetragen haben. Ich muss schnell wieder arbeiten können und meinen eigenen Bedürfnissen nachgehen.

Warum ist Stillen das Normalste der Welt?

Weil es das natürlichste und beste für das Kind ist.

Was würdest Du dir von deinem Umfeld, von der Politik und oder der Gesellschaft wünschen?

Dass die Allgemeinheit über die Nachteile der Flaschennahrung informiert wird, ich sage bewusst nicht über die Vorteile des Stillens, denn das sollte ja doch eigentlich der Normalzustand sein, mit dem sich die künstliche Nahrung vergleichen lassen sollte. Nicht, gestillte Kinder haben ein geringeres Risiko an Diabetes zu erkranken, sondern nicht-gestillte Kinder haben ein höheres Risiko an Diabetes zu erkranken.

Wie nennt ihr das Stillen? Sprechende Kinder haben ja die lustigsten Namen dafür 😊

„Bu“. Mein Sohn wird muttersprachlich erzogen, „bu“ ist also keine Abkürzung von Brust o.ä., sondern war etwas, das er irgendwann als Laut von sich gab und es ist hängen geblieben.

Wenn Dir noch etwas auf dem Herzen liegt:

Habt euch lieb und unterstützt euch gegenseitig liebe Mütter, egal ob gestillt wird oder nicht.

Vielen Dank, Meryem!

Zu Teil 5 geht es hier
Und hier findet ihr meinen Bericht über 3 Jahre stillen
Wer Fragen oder Probleme beim Stillen hat, hier könnt ihr mich für eine Beratung kontaktieren

Folgendes könnte Dir auch gefallen

Comments

Leave a Comment