Ich sehe Rattenschwänze WiB 28./29. März #stayathome

SAMSTAG

Seit 2 Wochen sind die Kinder nun nicht mehr in der Kita, seit knapp einer Woche herrscht Kontaktverbot. Spielplatzverbot. Ja, mancherorts sogar Kinderverbot. Meine Wut ist zudem mein treuer Begleiter und hat durch wachsende Fragezeichen in meinem Kopf sehr unangenehme Unterstützung bekommen. Denn die Ungewissheit und mangelnde Perspektive macht mich fertig und ich habe das Gefühl, dass ich viele meiner Fragen (noch) nicht laut stellen darf, ohne dafür sofort missverstanden und angefeindet zu werden. Ob ich darüber noch schreibe oder nicht, ich weiß es nicht. Gut möglich, dass meine Sicht durch meine innere Schutzabwehrhaltung getrübt ist. So nach dem Motto: es kann nicht sein, was nicht sein darf oder so. Wie geht es euch denn mit der aktuellen Situation? Fällt es euch leicht, alle Informationen einzuordnen und sämtliche Maßnahmen in dieser Dimension ohne weiteres Nachdenken anzunehmen? Ich sehe absolut warum so entschieden wurde, ich sehe und unterstütze den Sinn von #flattenthecurve! Ich denke ich habe mich da auch deutlich genug ausgedrückt. Aber…. es gibt für eben so viele Fragen in meinem Kopf. Ich kann nicht aufhören, an Rattenschwänze zu denken, die in unserem aktuellen Fokus am Rande des Blickfeldes lauern. Und ich denke, es ist in unserer Gesellschaft wichtig, alle Aspekte und Meinungen zu diskutieren. Naja, fast alle. Aluhütler und Schwurbler zum Beispiel dürfen stumm bleiben.

selstam still

Weil die Fragen sehr laut und hartnäckig sind, schlafe ich schlecht. Bevor Pascal ab in die Klinik muss, gehe ich schnell einkaufen. Zum Glück haben wir einen Laden in der Nähe, der meist recht leer ist, ohne Security und Kinderverbotsschilder auskommt. Die lassen mich nämlich mehr als nur hart schlucken. Wir erwischen Pascal gerade noch so, bevor er losmuss.

Frühstück im Wohnzimmer

Ich mache Frühstück für die Kinder und Sport. Alles im Wohnzimmer.

Stillen, Lesen, Kuscheln

Anschließend wird gestillt, gelesen und gekuschelt. Weil wir uns in unserer kleinen Wohnung kaum aus dem Weg gehen können (meist kleben die Kinder eh auf mir und tanken intuitiv Stabilität und Sicherheit), werden wir für Privatsphäre kreativ. Ella zieht sich zurück, Leo schient sich durch die Räume.

Privatsphäre

Das hier ist übrigens unser Maximum an Aufgeräumtheit. Falls tatsächlich einmal andere Zeiten anbrechen, dann laufe ich vermutlich dennoch wie ein besoffener Storch durch die Gegend. Aus reiner Gewohnheit.

#erhlicheswohnzimmer

Am frühen Abend kommt der Mann nach Hause und bringt mir Nervennahrung mit. Es geht einfach nicht anders. Naja, zumindest habe ich meinen Drang irgendeiner vorgegeben Körperform zu erfüllen schon in meinen 20ern abgelegt. Fit und gesund, wenns nicht anders geht (Schilddrüse und Corona sei Dank) eben rund. Alles was mich halbwegs stabil durch diese Zeit trägt, ist mir recht. Hauptsache ich schreie die Kinder nur 50 statt 100 Mal am Tag an. Und Hauptsache die Panikattacke letzten Sonntag nach dem Warten und Verkünden des Kontaktverbots wiederholt sich nicht. Das war echt übel! Besonders weil ich – wie so oft – allein mit den Kindern war. Mit einem zerbrochenen Glas (taube Finger) und einer Riesensauerei auf dem Boden und unter dem Kühlschrank, bin ich noch recht glimpflich davongekommen. Trotzdem: lieber Fett auf den Schenkeln als fette Ausraster meinerseits. Damit dienen die Kinder sowieso mehr als ausreichend.

Seelenfutter

Zum Abendessen gibt es Hamburger. Wie gestern. Ohne Beilage, die habe ich vergessen. Wie gestern. Heiß (hoch)gekocht wird trotzdem: nämlich die Gemüter der Kinder. Das passiert bei uns mehrmals täglich. Ich bleibe diesmal äußerlich ruhig. Die Ruhe ist trügerisch und vielmehr eine seltsame Art von Taubheit, als Resilienz. Ich erwarte sehr nachdrücklich, dass ich letztere in den nächsten Wochen und Monaten noch erreiche. Ohne geht es nämlich nicht.

SONNTAG

Ach ja, die Uhr. Ich glaube die Zeitumstelltung war in den letzen Jahren bei weitem nicht so uninteressant wie heute. Nunja, ich muss sagen dieses Mal bin ich dankbar. Zuweilen sind mir die Tage der Isolation einfach zu lang. Nach der Sonne gestern ist es außerdem eklig kalt und die Kids freuen sich über sage und schreibe 5 Minuten Schneeregen. Immerhin, so nah waren wir schon lange nicht mehr am Schnee. Leo möchte gleich voller Tatendrang seine Schneeschipp holen.

Schneeregen

Trotz Ekelwetter geht es mir heute besser. Vielleicht bin ich auf einem guten Wege diese surreale Situation als unserer Realität anzunehmen. Sehr abgeholt haben mich diese Worte hier, muss ich sagen. Dennoch, Seelenfutter muss sein. Besonders als ich mir den Verlauf der Todeszahlen ansehe und mit Italien vergleiche. Die Entwicklung der Kurve ähnelt sich doch zunehmend, wenn man den Anstieg ab dem ersten Tag mit Todesfall anschaut. Ich hoffe sehr, dass sich unsere Maßnahmen lohnen. Aber ich denke auch: sicher ist, das nichts sicher ist. Eine liebe Freundin macht sich zudem heute mit ihrer Familie auf nach Deutschland, zurück nach Hause. Ich frage mich, ob sie es noch wiedererkennt. Ich frage mich, ob wir uns alle in einigen Wochen, Monaten wiedererkennen. Ob wir uns dann in die Arme fallen, oder die Angst vor der Ansteckung uns zögern lässt.

Seelenfutter

Die Kinder beschäftigen sich derweil mit Erfindungen von Petterson und Findus und ich fühle mich wohlig an meine Kindheit erinnert. Da hatte ich auch einmal ein Computerspiel, das ganz ähnlich war. Gleichzeitig empinde ich meine Erinnerungen als selstam weit weg. Eine andere Welt, genau wie die Leute in Film und Fernsehen, wie sie in Cafes sitzen, sich treffen und frei bewegen können. Darauf noch einen Riegel Schokolade...

Ruhige Kinder, ruhige Mama

Zum Abendessen gibt es, drei Mal dürft ihr raten, Hamburger. Gestern waren es immerhin Vollkornbrötchen, heute dafür die nährstoffarme Weizenvariante. Weil ich schlichtweg kein Bock auf Kartoffelschälen habe. Morgen dann. Ich umarme euch alle ganz warm. Macht es euch so entspannt wie es eben geht und erzählt gern, wie ihr zurecht kommt.

Hier geht es wie immer zum WiB von Große Köpfe. Ganz herzlichen Glückwunsch Alu, zu deinem Abschluss!

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