Stillkind = Kitakind Teil 2: Eingewöhnung und Kein Stillende

DIE EINGEWÖHNUNG

Mehr zum Thema Langzeitstillen und unsere Kitaerfahrungen gibt es in Stillkind = Kitakind Teil 1 und Brüste sind zum Stillen da zu lesen

Die Rahmenbedingungen hatten wir festgelegt, nun hieß es: Praxistest. Weil Ella ein kleiner Langschläfer ist, sind wir in der ersten Woche von jeweils 10 bis 11 Uhr in die Eingewöhnung gestartet. In den ersten Tagen haben wir auf einer Krabbeldecke gesessen, die Nina (Ellas und auch Leos Bezugsbetreuerin) zusammen mit den anderen Kindern für uns ausgebreitet und mit Spielzeug versehen hatte.

Anfangs saß Ella nur auf meinem Schoß, schaute sich ganz aufmerksam um und ließ sich von diesem sicheren Thrönchen aus von Nina und den anderen Kindern bespaßen.

Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr gespannt war, wie sie auf den Trubel reagieren würde. Im U3 Bereich teilen sich 8 – 10 Kinder einen Gruppenraum mit Hochebene, einen Schlaf- und Ruheraum, einen großen Flur und ein abgezäuntes Stück Garten nur für U3 Kinder, sowie 4 Betreuerinnen. Leo hatte sich damals sofort wohl gefühlt und sehr schnell Freundschaft mit den großen und kleinen Menschen geschlossen.

Kitakind_Eingewöhung

Bei Ella war ich mir da alles andere als sicher. Bis vor wenigen Wochen hatte sie mehrere Stunden am Tag geschrien und war stark auf mich fixiert. Vieles ließ darauf schließen, dass ihr die neue Umgebung und die erstmal fremden Menschen Angst oder Unbehagen bereiten würden. Dass ein Haufen Reize ungefiltert auf sie einprasseln und sie völlig überfordern würde. Lange Zeit habe ich nämlich geglaubt, dass Ella hochsensibel sei und daher so viel schreien würde. Bis sie mit dem Krabbeln anfing und mobiler wurde. Mit jeder neuen Fähigkeit wurde ihr Schreien nämlich ein Stücken weniger. Vielleicht war sie nicht überfordert, sondern frustriert weil sie noch nicht so konnte, wie sie wollte.

Möglicherweise war nicht das “zu viel”, sondern das “zu wenig” von Allem ihr Problem.

Kitakind_Eingewöhnung

Der erste Tag ging dann tatsächlich völlig reibungslos über die Bühne, sodass ich mich ab Tag zwei auf die Couch verzog und sie einfach machen ließ. Ganz eifrig eroberte sie Stück für Stück den Gruppenraum und genoss die Aufmerksamkeit.

Wenn es ihr zu viel wurde, stillten wir eine Runde, danach spielte sie ganz normal weiter.

Anfangs schaute sie auch alle paar Minuten, ob ich noch da war. Mit der Zeit wurden die Kontrollintervalle immer länger und nach zwei Wochen hatte sie Nina in ihren exklusiven Kreis der Vertrauten aufgenommen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie überrascht ich war.

DIE ERSTE TRENNUNG

Ich will ehrlich sein: so ganz genau weiß ich nicht mehr, wann ich zum ersten Mal den Raum verlassen habe. Ich meine, es war Ende der ersten oder Anfang der zweiten Woche. Wie die Tage zuvor bin ich mit Ella in den Gruppenraum gegangen und habe die ersten fünf Minuten mit ihr auf der Couch gekuschelt. Langsam ankommen, schauen wer alles da ist und womit man wohl gleich spielen könnte. Meist kamen auch direkt ein paar Kinder an, um uns zu begrüßen und Ella ein Spielzeug unter die Nase zu halten.

Kitakind_Eingewöhnung

An diesem Tag stieg Ella sehr schnell mit ins Spiel ein und wandte mir charmant den Rücken zu. Also schlug Nina vor, ich könnte ja Mal kurz ein wenig frische Luft schnuppern gehen.  Ich tippte Ella auf die Schulter und sagte “Mäuschen, die Mama geht mal kurz raus Pipi machen. Ich bin gleich wieder da.”

Das Verabschieden ist, finde ich, ein ganz wichtiges Element der Eingewöhnung

Klar, vielleicht scheint es auf den ersten Blick leichter, sich einfach hinauszuschleichen, wenn das Kind gerade eh abgelenkt ist und nichts davon mitbekommt. Man spart sich eventuellen Prostest. Genau der käme aber in jedem Falle, nämlich genau dann, wenn das Kind sein Befürnis nach Mamasicherheit spürt und die plötzlich verschwunden ist. Genau so verliert das Kind 1. sein Vertrauen und 2. seine Sicherheit. Mama oder Papa verschwinden einfach und lassen mich allein. Wer weiß, ob sie überhaupt wiederkommen. In dem “Steinzeitbaby” schrillen berechtigterweise sämtliche Alarmglocken.

Gerade bei kleinen Kindern fehlt dazu noch das Zeitgefühl.

Mein “ich bin gleich wieder da” hat Ella vermutlich nicht wirklich verstanden. Erst durch viele kleine Wiederholungen hat sie 1. gelernt, dass ich niemlas ohne Ankündigung gehe und 2. auch immer wieder zu ihr zurück komme. So konnte sie sich ganz auf das Spiel und die Menschen um sie herum einlassen, ohne in ständiger Angst vor dem Verlassenwerden in Habachtstellung zu verharren.

Ella schaute mich also kurz an und sah mir hinterher.

Ich habe es in ihrem Köpfchen rattern sehen. Bisher waren wir kaum mehr als ein paar Meter und Minuten voneinander getrennt. Selbst für mich war die Situation sehr seltsam und ohne mein Vertrauen in Nina hätte ich es wohl auch nicht versucht. Geweint hat Ella nicht, sondern ist auf Ninas Schoß geklettert und hat weiter mit dem Luftballon gespielt. Ich saß ein paar Meter neben der Tür und horchte auf jeden Mucks. Ich war wohl wesentlich aufgeregter als meine kleine Maus. Nach ein paar Minuten kam ich wieder zurück und sah Ella fröhlich spielen. Trotzdem war erstmal kuscheln angesagt und möglicherweise habe ich eine kleine Träne verdrückt.

Stillen

Vom Klammeräffchen zum Vollzeit Kitakind

Ende der zweiten Woche hatten wir eine Trennungszeit von einer Stunde erreicht, nach der dritten Woche brachte ich Ella um neun Uhr hin, stillte sie dort noch einmal und holte sie nach dem Mittagsessen ab. Meist war sie dann ziemlich müde und quer und ich fragte mich, ob es nicht doch zu viel für sie war. Oder zu früh. Auch für mich war das alles eine große Umstellung und mehr als ein Mal habe ich in mich hineingehorcht. Fühlt sich das richtig an? Besonders die Tage, an denen ihr oder mein Abschiedsschmerz groß war, haben mich sehr zweifeln lassen. Alles kann, nichts muss – das hatte ich uns versprochen.

Nun war es aber so, dass Ella ausgenommen von gelegentlichem Abschiedsschmerz und dem Quengeln am Mittag insgesamt doch deutlich zufriedener und ausgeglichener war…

und ich ebenfalls. Morgens kam außerdem nach jedem Abgeben ein kurzer Anruf oder eine SMS a la “Sie hat nach ein paar Sekunden aufgehört zu weinen. Jetzt spielt sie ausgelassen/kuschelt mit Nina”. Ganz ehrlich: ohne ausgereifte Hemmschwelle hätte ich selbst noch im Studium am liebsten geheult, wenn ich morgens keinen Bock auf Uni, Lernen oder Nebenjob hatte. (Vielleicht habe ich das ab und zu tatsächlich getan…)

Allerdings wusste ich ihre Unruhe beim Abholen nicht recht zu deuten.

Mein erster Gedanke war: Typisch, jetzt wo ich da bin wird ihr die Trennung wieder bewusst und sie schreit ihre Anspannung der letzen Stunden heraus. Meist haben wir uns erst auf die Couch gesetzt und gestillt. Und meist ist sie dabei eingeschlafen. In solchen Fällen kann ein objektiver Blick auf das Geschehen ziemlich hilfreich sein. Ich selbst war zu sehr in meinen Mamagefühlen gefangen. Jedenfalls wagte Nina die These: “Na, vielleicht ist sie halt einfach nur müde. Wie wäre es, wenn sie morgen hier mit den anderen den Mittagsschlaf macht. Wir rufen dich auch sofort an, wenn es nicht klappt.”

Es könnte sein, dass ich am nächsten Tag zufälligerweise zur üblichen Abholungszeit einen Spaziergang um das Kitagebäude gemacht habe.

Bereits im Vorgespräch hatten wir über Ellas Schlafgewohnheiten geredet. Bisher fand sie nur auf mir und in der Regel stillend in den Schlaf. In ausgewählten Momenten durfte der Papa als Matratze herhalten. In jedem Falle war und ist sie bis heute ein Bauchschläfer, allen SIDS Präventionsmaßnahmen zum Trotz. Aber auch hier sagten wir uns: Probieren geht über Studieren. Also gaben wir Ella ein 40 x 80 cm Kopfkissen mit Kuschelbezug und ein nach Mama riechendes Spucktuch mit. Nach dem Mittagessen wärmte Nina eines der Muttermilchfläschchen auf, nahm Ella mitsamt Kissen auf den Arm und “stillte” sie.

Was soll ich sagen. Ich bin ohne Kind nach Hause spaziert

. Dort habe ich 2,5 Stunden auf den Abholanruf gewartet. So lange hat sie nämlich geschlafen. 2 Stunden davon im Ruheraum auf dem Kissen liegend. Ohne menschliche Unterlage. Tja, ich würde sagen, Nina hatte recht. Die kleine Maus war mittags einfach nur müde. Es hat danach auch nicht lange gedauert, bis aus Ella ein Vollzeit Kitakind wurde. Nach dem Aufwachen gab es direkt das nächste Fläschchen, ein wenig Spielen und Zack war es Vier Uhr und ich holte meine beiden Kinder zusammen ab. Wer hätte es gedacht. Ich nicht.

STILLKIND = KITAKIND!

Und jetzt komme ich zur großen Frage: Stillen und Kita, geht das?

Ja, das geht. Sogar sehr gut! Gerade bei solch großen Veränderungen wie der Besuch einer Kita oder die Betreuung bei einer Tagesmama, ist Stabilität wichtig. Den Kindern dann auch noch eine bewährte und geliebte Beruhigungsstrategie zu nehmen, ist meiner Meinung nach ein Stolperstein mehr als weniger. Für Stillkinder ist die Brust ein sicherer Hafen in den stürmischen Zeiten der Eingewöhnung. Auch für Ella war und ist bis heute das Stillen der Wind unter ihren Flügelchen, keine Fessel die sie zurückhält.

Wichtig ist es, dass Kita und Eltern an einem Strang zeihen

Von Anfang an habe ich keinen Hehl daraus gemacht, dass wir stillen und dass es auch noch eine ganze Weile so bleiben wird. Kein Versteckspiel, keine falsche Scham. Gerade im U3 Bereich sollte keine Mama sich in irgendeiner Weise dafür rechtfertigen müssen. Tatsächlich habe ich sehr viele gute Erfahungen machen dürfen. Angefangen von den anderen Kitakindern, die zu mir kamen und ganz gespannt zugeschaut oder gefragt haben, was wir da machen – bis hin zu den Betreuern, die ganz selbstverständlich Muttermilchfläschchen gegeben und uns haben stillen lassen.  Natürlich war auch der ein oder andere seltsame Blick dabei (meist von anderen Eltern), allerdings habe ich mir da mittlerweile ein dickes Fell angeschafft und lächele jede gerümpfte Nase in Grund und Boden.

Manchmal muss man eben recht lange und laut in den Wald hineinrufen: “Das ist normal!”. Irgendwann schallt es dann mindestens genauso laut auch wieder heraus: “Das ist normal!”

Beikost in der Kita

Einige Monate lang standen im Kitakühlschrank 2 – 3 Fläschchen parat. Die Milch dafür habe ich in den Tagen davor immer nach den Stillmahlzeiten abgepumpt und gesammelt. Unter der Woche habe ich tagsüber alle 2 Stunden abgepumpt, wenn wir getrennt waren. An der Stelle kann ich von Herzen eine Doppelmilchpumpe mitsamt Still BH empfehlen! Außerdem hatten wir immer eine Packung Pulvermilch in petto. Kurz nach ihrem 1. Geburtstag habe ich ihr Selbstgekochtes oder gekaufte Gläschen mitgegeben. Allerdings fand sie das Mittagessen der anderen viel spannender und es hat nicht lange gedauert, da ersetze mein Stillkind in Eigenregie ihre Mittagsmilch durch feste Nahrung. Kurz darauf gab es auch morgens Brot, Obst und Joghurt zum Frühstück.

Kitakind

Mit etwa 18 Monaten brauchte sie in der Kita keine Milch mehr, sondern trank wie die anderen Wasser. Zuhause haben wir wie gewohnt weitergestillt. So machen wir es auch heute (2 Jahre später) noch und es ist kein Ende in Sicht.

Langzeitstillendes Kitakind

Die erste Handlung, wenn wir zuhause sind:

Liebe, Ruhe und Geborgenheit tanken und danach auf ins nächste Abenteuer!

Was ich aus all dem gelernt habe? Steckt euer Kind in keine Schublade und lasst euch in keine Schublade stecken. Manchmal überraschen uns unsere Kleinen am meisten, wenn wir nicht damit rechnen. Mir ist klar, dass nicht jedes Kind für die Kita geschaffen ist. Besonders die wirklich hochsensiblen Kinder haben eine viel höhere Hürde zu nehmen. Ella hat mich allerdings gelehrt: Selbst jedes High Need Kind ist anders.

Auch heute noch sehe ich einen deutlichen Unterschied zwischen meinen Kindern. Ella braucht noch immer “mehr” von allem. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Wutbegleitung, mehr Rückversicherung. Auf der anderen Seite habe ich noch nie ein so mutiges Kind gesehen. In Gruppen übernimmt sie die Führung, beim Klettern kennt sie keine Grenzen. Warum sie als Baby so viel geschrien hat? Ich weiß es nicht. Seit sie aber zur Kita geht, wurde es weniger und hat schließlich ganz aufgehört. Mein Schreikind war plötzlich zufrieden und ausgeglichen. Mein Stillkind ist sie bis heute.

 

#langzeitstillen #kitakind #stillenistliebe #highneedbaby #schreibaby #kita

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Comments

Sophie

Liebe Alexandra,
Danke für diesen Bericht und dass du deine Erfahrung geteilt hast.
Bei uns ist es zwar noch nicht aktuell, aber ich mach mir auch schon so meine Gedanken. Meine Kleine ist gut 9 Monate und wird noch voll gestillt. Essen interessiert sie wenig. Sie lutscht zwar an Gemüse und Obst, aber in ihrem Bauch landet nur was sie – meiner Meinung nach – versehentlich hinunterwürgt. Abstillen ist also noch überhaupt kein Thema!
Im Herbst kommt sie mit gut 15 Monaten in eine Kleinkindergruppe mit max. 14 Kindern und – in unserem Fall – 3 Betreuer*innen (Standard sind hier 2).
Und gerade kann ich mir das noch gar nicht vorstellen. Ich merk zwar, dass ihr zu Hause schon mal fad wird und sie liebt Krabbelgruppen und andere Babys bzw. Kleinkinder, aber aktuell krabbelt sie in solchen Situationen noch oft in meinen sicheren Schoß. Neugierig und mutig ist sie dann aber doch auch wieder.
Wahrlich mach ich mir viel zu viele Gedanken und sollte lieber Vertrauen in meine Maus haben. Deine Erfahrung bestärkt mich darin und ich hoffe, dass es bei uns auch so gut klappen wird.
Alles Liebe,
Sophie

    Alexandra

    Hallo Sophie,
    ich kann deine Gefühle so, so gut verstehen! Besonders vorher macht man sich total viele Sorgen, gerade wenn sie noch so klein sind. Ich war auch überrascht, wie schnell es gerade auch bei der Beikost ging, sobald Ella andere Kinder hat essen sehen. Von Gleichaltrigen lernen unsere Mäuse nochmal ganz anders als von uns Großen. Habt ihr denn Zeit für die Eingewöhnung? In jedem Fall drücke ich euch die Daumen. Falls du dann berichten magst, es würde mich sehr interessieren!
    Lieben Gruß aus Köln

      Sophie

      Liebe Alexandra,

      Danke für deine beruhigenden Worte. Wahrscheinlich/Hoffentlich mach ich mir viel zu viele Gedanken und meine Kleine überrascht mich dann. Deine Erfahrung macht mir auf jedem Fall Mut.
      Wir haben etwa 3.5 Monate Zeit für die Eingewöhnung bevor ich Anfang 2020 wieder arbeiten werde. Dann “muss” es klappen … auch weil ich mir kaum vorstellen kann kurzfristig eine alternative Betreuung zu finden.

      Ganz liebe Grüße,
      Sophie

        Alexandra

        Liebe Sophie,
        3,5 Monate sind auf jeden Fall ein guter Puffer und es freut mich sehr, dass ihr dir ein wenig Mut zusprechen konnte 🙂

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