Kleinkindstillen: 3 Jahre Stillen

In ein paar Wochen ist es so weit: Ella und damit auch unsere Stillbeziehung wird drei Jahre alt. Damit gehöre ich wohl eindeutig in die Kategorie “Langzeitstillen”. Ich persönlich finde das Wort “Kleinkindstillen” viel passender, weil frei von Wertungen. Denn ob drei Jahre Stillen lang sind, ist ja bekanntlich höchst gesellschafts- und zeitgeistabhängig. Wie sich das alles entwickelt hat und wie es ist, ein Kleinkind zu stillen erzähle ich euch heute.

Kleinkindstillen – Wie es dazu kam

Ganz ehrlich? Geplant war das nicht. Es hat sich einfach so ergeben. Als ich mit meinem ersten Kind (Leo) schwanger wurde, habe ich mir über das Stillen kaum Gedanken gemacht. Tatsächlich habe ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie jemanden stillen sehen. Verrückt, oder? Durch mein Studium wusste ich grob, dass Muttermilch wohl sehr gesund sein soll und auch recht praktisch. Nur, wie lange stillt man denn? Ja, keine Ahnung! Woher auch? Ich selbst wurde 9 Monate gestillt und ohne weitere mir bekannte Richtlinie orientierte ich mich einfach daran. Hat Mama so gemacht, mache ich auch so.

Welch tiefe Bedeutung das Stillen für Mutter und Kind wirklich hat, wie es sich anfühlt – vielmehr emotional als körperlich – habe ich erst nach Leos Geburt erkannt.

Wie auch die Geburt, gehört das Stillen zu den Erfahrungen, die man erst selbst machen muss, bevor man es verstehen kann. Und während die besagten 9 Monate näher rückten, nahm ich immer weiter Abstand von der Idee, abzustillen. Es fühlte sich ganz falsch an und es sprach nichts dagegen, einfach weiterzumachen. Leo war übrigens ein sehr gesundes und properes Baby :). Allein das machte mir klar: die Theorie ist wahr, Muttermilch macht nicht nur glücklich sondern auch satt!

Oh Schreck, die Milch ist weg!

Kurz vor Leos erstem Geburtstag kündigte sich jedoch Ella an. Bevor selbst die sensitivsten Ultrafrühschwangerschaftstests anschlagen konnten, blieb mir innerhalb von ein, zwei Tagen die Milch weg. Die Freude über unser Pünktchen war groß, die Trauer über das plötzliche Stillende ebenso. Ein Glück, dass Leo kein Problem mit dem Umstieg auf die Flasche hatte. Ihm ist es damals wohl leichter gefallen als mir. Trotzdem hatte ich ihm versprochen, ihn weiter zu Stillen, sobald die Milch wieder fließt. Nach 9 Monaten Fläschentrinken hatte er allerdings die richtige Saugtechnik verlernt. Meine Milch bekommt und liebt er dennoch, selbst heute mit 4,5 Jahren noch. Der Pumpe sei Dank!

#fläschengebeistliebe

Stillen stärkt Körper und Seele

Jedes Kind ist anders. Das machte mir Ella sehr eindringlich klar. So ruhig und entspannt ihr großer Bruder war (und von Autonomieexplosionen abgesehen heute noch ist), so laut und unzufrieden war Ella. Schreikind, High Need Kind, wie auch immer wir es nennen möchten. Sie schrie und schimpfte was das Zeug hielt, ganze 9 Monate lang. Mehrere Stunden am Tag. Es trieb mich fast in den Wahnsinn, denn sie schrie nicht nur, nein sie akzeptierte nur mich und verbrachte 22 von 24 Stunden auf mir. Ich hörte ihr zu. Ich war da, das war alles was ich tun konnte. Und genau das richtige. Eines jedoch hat sie immer beruhigt: das Stillen. Es befriedigte nicht nur ihr Bedürfnis nach Nahrung, sondern auch nach Ruhe, Liebe, Sicherheit und Geborgenheit.

Das Trinken und Nuckeln war und ist ihr Anker und die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren. Futter für die Seele.

Kleinkindstillen
Kleinkindstillen

Oxy – Action!

Rein physiologisch betrachtet kann man diesen Effekt sogar ganz “einfach” erklären. Stichwort: Oxytocin. Das sogenannte “Wohlfühlhormon” ist ein wahres Multitalent und sorgt auf vielfältige Weise dafür, dass unser Körper auf “Alles paletti, uns geht es gut!” schaltet. Wer Zeit und Lust hat, dem kann ich dieses Buch* hier sehr empfehlen (da muss ich jetzt Werbung sagen 😉 )

Übrigens schütten beim Stillen beide – Mama und Kind – Oxytocin aus und dürfen sich über eine innerliche Wohlfühldusche freuen. Cool, oder? Natürlich spielen noch viel mehr körperliche und seelische Komponenten eine wichtige Rolle und stärken sowohl die Verbindung von Mutter und Kind, als auch die Verbundenheit mit sich selbst. Stillen ist ein wahres Wunder der Natur.

Kleinkindstillen – Wie ist das so?

Diese Frage habe ich in letzter Zeit recht oft gehört. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt wie wenige Kleinkinder (in der Öffentlichkeit!) gestillt werden. Ich glaube, die Dunkelziffer der Kleinkindstillenden ist recht hoch. Viele Mütter stillen über das zweite Lebensjahr hinweg. Aber sie tun es heimlich und nur zuhause. Darüber sprechen oder gar in der Öffentlichkeit stillen, das traut sich kaum jemand.

Tatsächlich habe ich selbst in all den Jahren erst ein oder zwei doofe Reaktionen auf die öffentlich eingenommene Milchmahlzeit bekommen. Witzigerweise war Ella da gerade mal wenige Wochen alt. Anders ist es im Internet, wo sich unzufriedene Menschen durch Anonymität und niedriger Hemmschwelle ihrer Wut Luft machen. Wut, die ich aber nie auf mich beziehe.

Denn wer im Internet oder auf der Straße seine Mitmenschen Kleinmachen muss, um sich selbst stark zu fühlen, der hat ganz andere Probleme.

Viel öfter bekomme ich positive Rückmeldung und noch öfter die “Beichte”: Ach, wie schön dass du so offen damit umgehst. Ich stille auch noch, aber nur mein Mann (oder selbst der nicht) weiß davon.

3 Jahre stillen – ein Beispieltag

6 Uhr:

Wir stillen im Bett, während Ella langsam wach wird. Manchmal ist sie noch sehr müde, dann zieht Pascal sie schon mal an, während wir Damen stillen und kuscheln.

Unter der Woche pumpe ich tagsüber mehrmals ab, so wie ich es seit 3 Jahren mache. Seit Ella keine Milch mehr in der Kita trinkt (die ersten Monate nach der Eingewöhnung) bekommt Leo die volle Ladung. Mittlerweile sind das nur noch 300-400 ml. Anfangs war es drei Mal so viel.

Abpumen
16 Uhr

wir sind alle zuhause. Leo stürzt sich auf seine Milch, Ella und ich setzen uns auf die Couch und stillen. Manchmal in der Wiegehaltung, manchmal sitzen wir einfach nebeneinander und lesen Bücher.

Kleinkindstillen
Kleinkindstillen

Im Laufe des Nachmittags stillen wir je nach Ellas Laune ein Mal “richtig” d.h. einmal Milchspendereflex auf jeder Seite. Längere Stillmahlzeiten gibt es bei uns nicht. Nach maximal 10 Minuten ist sie fertig, meist schneller. Manchmal ist sie ungeduldig, weil sie vor dem Milchfluss “Vorarbeit” leisten muss. Aus dem Becher oder von der Gabel geht ja schließlich direkt was in den Mund und Milch auf “Vorrat” macht mein Körper seit gut einem Jahr nicht mehr. Da gibt es nur was, wenn auch einer Bedarf anmeldet.

19:30 Uhr

oder so ähnlich. Leo bekommt seine Abendmilch und kuschelt mit Pascal im Familienbett. Ich stille Ella auf der Couch in den Schlaf. Das klappt in 90% der Fälle und ich bin immer wieder erstaunt, wie mein hellwaches Kind innerhalb weniger Minuten in den Schlaf findet. Zeitfaktor: ca. 15 Minuten weil kuschlig uns so.

Kleinkindstillen
Kleinkindstillen
23 Uhr

Ich gehe ins Bett, manchmal wird Ella kurz wach und wir stillen ein paar Minuten. Dann kuscheln wir oder drehen uns gegenseitig den Rücken zu und schlafen. Mittlerweile ist Ella wie ich ein Seitenschläfer.

Nachts, puh schwer zu sagen und sehr unterschiedlich. Ich schätze mal wir kommen auf 2-6 Mal Stillen oder Nuckeln, ausschließlich im Halbschlaf. Bis zu ihrem 2. Geburtstag hat Ella nachts dauergenuckelt. Seit einem Jahr braucht sie das zum Glück nicht mehr in dem Ausmaß. Wenige Minuten reichen ihr. Wenn ich mal nicht mag, reichen ihr auch ein paar Sekunden.

Wochenende

An freien Tagen schlafen Ella und ich aus, das Stillen zum Wachwerden ist dennoch sehr wichtig (besonders für die gute Laune!). Über den Tag verteilt gibt es 2 – 5 Stillmahlzeiten. Je nachdem wie sehr Ella sich ins Spielen vertieft. Seit ein paar Wochen höre ich den Satz: Jetzt nicht stillen Mama, lieber später! wenn ich sie darauf hinweise, dass ich jetzt eine Pause mache und Zeit zum Stillen hätte.

Nuckeln zur Selbstregulation – Muttermilch verleiht Flügel

Mit zunehmendem Alter wird aus der Brust weniger Nahrungsquelle und mehr Ruhepol. Die Stilldauer hat sich auf wenige Minuten pro “Session” verkürzt und ist zu größten Teilen kein Milch, sondern Sicherheit tanken.

Einmal kurz Nuckeln!

Heißt es dann. Links 5 Sekunden, rechts 5 Sekunden und das Kind rennt los zum nächsten Abenteuer. Denn ein kleiner Abenteurer ist sie wirklich. Ich habe selten ein so unerschrockenes, selbstbewusstes Kind gesehen. Von ihrer Mamafixierung ist nichts mehr zu spüren, allen Vorurteilen dem Kleinkindstillen gegenüber zum Trotz. Unser enges Band macht sie nicht unselbstständig, sondern stärkt ihr Vertrauen – in sich und in ihre Mitmenschen. Das Stillen hemmt sie nicht in ihrer Entwicklung, sondern verleiht ihr Flügel.

Kleinkindstillen aus Mamasicht

“Nervt dich die Stillerei langsam nicht?” werde ich manchmal gefragt. Nö, es nervt mich nicht. Manchmal habe ich keine Lust oder keine Zeit, weil ich erst noch die Kartoffeln aufsetzten oder den Text zuende schreiben möchte. Dann sage ich auch ganz klar “Jetzt nicht, Ella. Ich mache das hier noch in Ruhe und dann habe ich Zeit”. Je nach Laune gibt es dann kurz Gemecker, meist wenn sie recht müde und kuschelbedürftig ist. In solchen Fällen übernimmt der Papa, der kann genauso gut kuscheln wie ich. Immer öfter aber gibts ein kurzer “Okay” und sie düst ab zum großen Bruder, Quatsch machen.

Es gibt allerdings eine Sache, die treibt mich manchmal in den Wahnsinn: das Nippelgeknibbel.

Witzigerweise höre ich das sehr oft von Kleinkindstillenden: eine Hand ist immer an der anderen Brust. Je nach Zyklus und Fingernagellänge ist das ganz schön unangehem. Dann gibt es immer ein wenig Gerangel auf meinem Schoß. Abgewöhnen kann ich es ihr nicht, egal was ich mir einfallen lasse. Ein paar Mal hab ich sie dann einfach abgesetzt, wenn es mir zu bunt wurde. Da waren wir beide ein bisschen angepisst. Auch das Kleinkindstillen ist nicht immer rosig und harmonisch!

Isst sie denn “vernünftig”?

Bis Ella nennenswert mitgegessen hat, war sie etwas über ein Jahr. Vorher war ihr Interesse am Essen einfach sehr gering ausgeprägt. Gut, dass ich mir da keine Sorgen über die Nährstoffversorgung machen musste. Mittlerweile frisst sie mir, wie auch ihr großer Bruder, regelrecht die Haare vom Kopf! Beide Kinder sind außerdem absolute Allesfresser. Sie essen abwechslungsreicher und unkomplizierter als so mancher Erwachsene (ich zum Beispiel, hust hust!)

Kleinkindstillen
Mama, jeder mag doch Spinat!

(K)ein Ende in Sicht!?

Wie lange wir noch stillen werden, das werde ich erst im Nachhinein wissen. Wie weiter oben schon erwähnt, häufen sich mittlerweile die Aussagen

“Lieber später Stillen, Mama” und “Jetzt nicht, Mama”

Ich denke, dass wir zumindest zum Einschlafen und in der Nacht noch recht lange stillen werden. Solange es uns beiden gut damit geht, spricht absolut nichts dagegen. So einfach ist das.

Wie denkt ihr darüber? Kennt ihr Kleinkindstillende und wie reagiert ihr wenn ihr in der Öffentlichkeit Kinder stillen seht?

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Comments

Sophie

Danke für diesen spannenden Beitrag und den Einblick in euren Stillalltag. Irgendwie inspiriert er mich!
Während der Schwangerschaft hab ich auch gesagt, dass nach 9 Monaten Schluss ist. Meine Kleine ist zwar erst 11 Monate aber noch (fast) voll gestillt und weder wüsste ich wie ich abstillen soll, noch möchte ich es aktuell. Ich gebe aber auch zu, dass es mich manchmal nervt und auch anstrengt. Trotzdem: Fröhliches Weiterstillen 🙂

Alles Liebe,
Sophie

    Alexandra

    Liebe Sophie
    es freut mich dich inspiriert zu haben! Schon lustig, wie sehr sich manchmal die eigene Einstellung verändert, wenn man dann plötzlich Mama ist. Und ja, Stillen kann sehr schön und auch sehr nervig sein, so wie alles beim Kinderhaben 🙂
    Ich wünsche euch auch noch ein fröhliches Weiterstillen!
    lg
    Alexandra

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